Der Mann im Mond – Das Finale (Update)

Achtung, Heavy Spoilers! Logisch, oder?

Ich hab leider nie die Reviews veröffentlicht, die ich für den ein oder anderen der vorherigen Akte begonnen hatte zu schreiben. Die dieses Mammutwerk preisten, den unbändigen Schwall an Kreativität darin, den unschuldigen Humor und die unglaubliche Arbeit, die in jedem dieser Werke steckt, deren 20 bis 30 Minuten stets in Rekordzeit an einem vorbeizogen und einen vollständig in eine fremde Welt entführten. Dachte irgendwann dann, am Besten blickt man doch einfach auf das ganze Werk zurück. Glaube, das funktioniert nicht so gut.

Uff. Der finale Akt ist starker Tobak und damit meine ich nicht die stolze Laufzeit von knapp 80 Minuten. Das, was das Finale ist und irgendwo auch sein will, tut mir beim Sehen in der Seele weh. Es ist nicht weniger als der Schritt, in dem der Schöpfer seine Schöpfung vernichtet, um nicht selbst irgendwann von ihr verzehrt zu werden. Das endgültige Ende. Das Ende der Fantasie.

Einschub:
Dieses Review basiert auf der ersten Version, die auf Amazon veröffentlicht wurde. Ich bin gewohnt, dass das Team in der Zeit zwischen Amazon- und YouTube-Veröffentlichung nochmal an den Videos feilt, und der ein oder andere Shot, der unfertig wirkt, später doch noch poliert erscheint. Aber in diesem Fall hier entpuppte sich die YouTube-Fassung als gravierend anders. Behaltet das im Hinterkopf und lest auch die Ergänzung ganz unten.

Was ist die Moral der Geschichte? Wenn du leben willst, musst du alles aufgeben: deine Träume, deine Freunde, deine Erinnerungen, deine Erfahrungen. Am Ende der Geschichte steht ein Julien, der nichts mehr hat: Joon nie kennengelernt, Julia nie kennengelernt. Es gibt keine Wächter, es gibt keine Bohnen, es gibt keine Raumschiffcrew, es gibt keine Abenteuer. Der finale Akt fühlt sich wie Erwachsenwerden an, aber auf die radikalste Weise. Mit einem Schnitt, der all das abschneidet, das die jugendliche Leichtigkeit, die übersprudelnde Fantasie ausmachte. Der sagt: All das bin ich schon lange nicht mehr.

Und so fühlen sich die 80 Minuten auch an. Es ist nicht nur das brutale Ende, es zieht sich durch den gesamten Film, der niemals den Spirit der Reihe zeigt, der sich von aller Leichtigkeit verabschiedet hat. Nachdem man sich zu Beginn von „Der Mann im Mond“ entschied, die Songs aus der Bohne weiterhin als Ankerpunkte mitzunehmen, als Alleinstellungsmerkmal und prägendes Stilmittel, wirft man sie zum Finale quasi über Bord. Wo es früher vier Songs in knappen 30 Minuten gab, sind es nun zwei in 80. Einen zum Start, weil er am Ende des vorherigen Akts bereits angeteasert wurde und einen im Showdown – damit es nicht komplett vergessen wird. Beide wirken seltsam unmotiviert und wer erwartet hat, dass die Reihe in ihren Songs zum Finale nochmal richtig aufdreht, wird schlicht enttäuscht. Es geht sogar noch einen Schritt weiter. Zwei Bohnen werden unterwegs genommen – eine Santa-Bohne von Santa selbst und eine Eko-Fresh-Bohne von Julien – nur um jeweils mit „reingelegt, ihr bekommt jetzt doch keinen Song!“ zu enden. Die Traumwelt bekommt schon früh Risse. Leichtigkeit und Fantasie sind hier nicht mehr angesagt, großes Drama soll es sein. Großes Erwachsenwerden.

Dazu passt, dass die Reihe plötzlich seltsam verkopft wirkt. Wo früher hemmungslos wahnwitzige Figuren kreiert wurden, wilde Storyabstecher und Running Gags in Serie, sieht sich der finale Akt in der merkwürdigen Pflicht, alles aufzuklären, alles zu erklären, alles zu entmystifizieren. Jede Figur, jedes Ereignis, jede witzige Bemerkung wird eingefügt in ein Storykonstrukt, das spürbar ächzt unter der Last, alles was einmal ein Witz war, nun als dramatische Komponente tragen zu müssen. Einiges funktioniert besser – wie die Wahrheit über die Menschen von Nehcaa – aber anderes wie die Geschichte vom Echsenjungen wirkt so massiv konstruiert, so unglaubwürdig, dass das ganze Gerüst ins Wanken gerät.

„Der Mann im Mond – Der finale Akt“ fühlt sich an wie Erwachsenwerden, wie das Ende der Kindheit, der Verlust der Träume. Wie ein Abschütteln der Vergangenheit, die Ju und sein Team über Jahre geradezu erdrückt hat. Macht das den Film zu einem schlechten Film? Nicht unbedingt. Es macht ihn zu einem sehr unerwarteten, sehr bedrückenden Film, aber damit auch sehr eindrücklichem Film. Er transportiert wie kein anderer Teil der Reihe, dass diese Filme eben doch längst nicht mehr bloß ein spaßiges Zusammenkommen unter Freunden sind, sondern harte und mitunter belastende Arbeit. Überinterpretiere ich, bilde ich mir das ein? Es gibt eine Szene, in der Iris Juliens schmalen Körperbau anmerkt und er darauf antwortet, dass das bloß ein Symptom chronischen Stresses sei. Daher denke ich: nein.

All das ist schade, weil man sich als Zuschauer etwas anderes gewünscht oder erhofft hat. Aber handwerklich und unter den Rahmenbedingungen, die die Serie hat, ist alles, was man bekommt, immer noch wahnsinnig gut gemacht. Das Problem ist: Die Geschichte funktioniert nicht. Und jeder ihrer emotionalen Beats funktioniert nicht bzw. wird noch vor der End Card wieder revidiert.

Im Bestreben, alles und jedem eine Erklärung und einen Abschluss geben zu müssen, nimmt sich der finale Akt viel Zeit, um Character Arcs abzuschließen. Er befördert Miami Rose zum Captain. Er lässt Monsieur Piet, Muff und ein Rezo-Aborti gemeinsam ins All reisen. Er lässt Rainers Familie trauern. Er lässt den Lovebot sich in einem finalen Akt der Menschlichkeit selbst opfern. Er lässt Julia ihre Schüchternheit überwinden. Er lässt den Echsenjungen seinen Vater finden. Mehr oder weniger. Er lässt Fips seine Menschlichkeit wiederfinden und zu seinen Brüdern zurückkehren. Und dann radiert er alles wieder aus. Er löscht Miami Rose aus der Zeitlinie. Er löscht den Jungen aus der Zeit, den Lovebot, den Osterhasen. Er lässt Klein-Julia mit ihrer Angst alleine, Monsieur Piet alleine auf der Straße. Nichts von dem, was der Film in seiner langen Laufzeit abschließt, hat Bestand, alles wird revidiert.

Und auch die Revision funktioniert nicht, wirkt einfach falsch. Ich stieß in einer Reddit-Diskussion darauf, warum das so ist: Das ganze Julien-Bam-Universum war immer ein Tie-In in unsere Realität. Es war fantastisch, aber es war auch hier, es war eine Version unserer Realität. Julien hieß Julien, Joon hieß Joon, Julia hieß Julia. Zahllose Gags spielen auf Ereignisse in der YouTube-Szene an. All das war eine Erweiterung, eine Augmentation der Realität. „Der letzte Song aus der Bohne – Akt 3“ hat das wunderschön genutzt, als er im Finale die Freundschaft zwischen dem fiktiven Julien und dem fiktiven Joon zelebriert hat, mit einer Videosequenz vom echten Julien und dem echten Joon. Das hatte einen solchen Impact, dass es zweifellos die schönste und emotionalste Szene der gesamte Serie bleibt. „Der Mann im Mond“ löst sein Finale nun auf mit dem ultimativen Opfer, dem Zerschneiden des Freundschaftsbandes zwischen Julien und Joon. Und während all das clever erklärt, wieso wir in einer tristen Welt leben ohne Wächter, ohne Besucher aus der Zukunft, ohne schwebende Inseln und magische Bohnen: der Teaser zum neuen Amazon-Format der beiden ist bereits draußen.

Letztendlich ist einfach zu hoffen, dass ein Julien Bam irgendwann auf dieses Finale Video seiner YouTube-Schaffensphase zurückschaut und sich denkt „Geil, das war episch af, so stolz!“ und nicht „Drecks-Burnout!“

Ergänzung (16. 3. 2025):

Okay, okay, ich hatte nicht damit gerechnet, dass das fertige Produkt am Ende so anders aussieht. Ich dachte, sie machen sowas wie die Titeleinblendung, die bloß Schriftzug durch schwarzem Kreisschatten war, nochmal neu (haben sie auch gemacht), aber hier war viel, viel mehr drin. Und ich wundere mich auch ein wenig, da es stark danach aussieht, als habe man bei der Amazon-Veröffentlichung Teile bewusst weggelassen. Den Epilog mit einem Dutzend Gaststars und Sets dreht man nicht mal eben nach. Und alle Szenen mit Rewi als dem Fremden scheinen von Beginn an doppelt gedreht worden zu sein. Sei’s drum, das neue Material macht den Film auf jeden Fall deutlich besser.

Ein kompletter neuer Song hat seinen Weg in das Video gefunden. Das macht mit drei Songs auf knapp 90 Minuten Film zwar quantitativ immer noch nicht viel, aber er eliminiert den Eindruck, den ich beim Sehen der ersten Fassung hatte, dass man die verbliebenen Songs mehr aus Pflicht eingebaut hatte. Und er sitzt genau an der richtigen Stelle, um eine lange sehr dramatische, sehr freudlose Strecke aufzubrechen. Das gilt auch für einige weitere kleine Änderungen oder Einschübe, die neu hinzugekommen sind.

Der komplett neue Epilog wiederum geht den zuvor sehr harten, sehr deprimierenden Abschluss an, der einfach bloß aus dem Verhindern der Freundschaft zwischen Julien und Joon sowie dem Verschwinden der Figuren bestand und den Zuschauer dann mit all den Implikationen daraus im Nachhall alleine zurückließ. Das kann man machen, aber gibt dem Comedy-Festival, das die Reihe und eigentlich der gesamte Kanal, das gesamte YouTube-Werk von Julien Bam immer waren, zum Abschluss einen ganz seltsamen bitteren Beigeschmack. Nun bekommen wir noch kurze Einblicke in das Leben vieler Protagonisten. Von Julia, von Rainer, von einigen kleineren Rollen. Und schließlich eine finale Begegnung der einander fremden Julien und Joon, die den Ton so viel besser trifft oder das ursprüngliche Ende.

Nichtsdestotrotz, es bleibt eine Parabel über das Erwachsenwerden und das Ende kindlicher Traumwelten. Das Team spricht in ihrer eigenen Reaktion auf das Video viel vom Meta-Thema „Loslassen“. Ich denke, das geht alles irgendwo in eine ähnliche Richtung. Und es bleibt ein Abschluss, der sich entscheidet, den Zuschauer nicht mit Hochgefühl und Freude zurückzulassen, sondern mit dem Gefühl von Verlust und Veränderung. Und das tut er auf eine verdammt gute Art und Weise, die anders hittet.

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